Zeit als wertvolle Ressource für Nachbarschaften

<< Zurück zum Wissenspool

Heutzutage befinden sich wirtschaftliche, soziale und lebensräumliche Verhältnisse stark im Wandel, weshalb gut funktionierende Nachbarschaften immer wichtiger werden. Vor allem Zeit spielt dabei eine wesentliche Rolle. Warum das so ist und was das konkret für Nachbarschaftsnetzwerke bedeutet, haben T. Fischer u.a. in ihrem Artikel „Über den Mehrwert organisierter Nachbarschaftshilfe - dargestellt am Beispiel des Zeit-Hilfs-Netzes Steiermark“ festgehalten.

Zeitbanken als nachbarschaftliches Organisationsmodell

Zeit ist nicht immer Geld, aber manchmal kann Zeit zu einer Währung werden. Zeitbanken sind ein Organisationsmodell für freiwilliges bürgerschaftliches Engagement. Sie folgen dem Selbsthilfeprinzip und beruhen auf einem Tauschgedanken, bei dem gleichwertige, bargeldlose Leistung freiwillig erbracht wird. Die „Landentwicklung Steiermark“ hat im Jahr 2011 eine Zeitbank, das Zeit-Hilfs-Netz Steiermark (kurz: ZHN), eingeführt. Auf diesem virtuellen Marktplatz können Mitglieder in zehn verschiedenen Bereichen inserieren. Durch Angebot und Nachfrage soll ein nachbarschaftliches Netzwerk als zusätzliche Stütze für Alltag und Daseinsvorsorge aufgebaut werden. Zeitbanken sind von ihrem klein(st)räumigen Wirkungsbereich und ihrer Abhängigkeit vom Einsatz, den Fähigkeiten und der Altersstruktur der aktiv Teilnehmenden geprägt. Um herauszufinden, welchen Mehrwert eine Zeitbank für die organisierte Nachbarschaftshilfe und für die Lebensqualität der Teilnehmenden tatsächlich haben kann, haben T. Fischer et al.

  • eine Datenanalyse der Mitglieder , Angebots- und Nachfrageinserate,
  • eine Expertenbefragung der Mitarbeiter/innen und Koordinator/inn/en des ZHN sowie
  • eine Auswertung des aktuellsten Protokolls des Netzwerktreffens durchgeführt.

Ein neuer Raum für Begegnungen

Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass sich seit 2011 insgesamt 348 Personen im ZHN Steiermark registriert haben. Die Mehrheit der Gebenden besteht dabei aus Frauen und Personen im Erwerbsalter bzw. am Übergang in die nachberufliche Lebensphase. Personen über 60 Jahren fragen am häufigsten nach und junge Menschen sind tendenziell unterrepräsentiert. Motivation Nummer eins für eine Beteiligung der Gebenden ist der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun und Hilfsbedürftigen schnell und unbürokratisch zu unterstützen. Bei den Nehmenden herrscht in allen Altersgruppen die größte Nachfrage in den Bereichen „Freizeit/Geselliges“, „handwerkliche Hilfen“ und „Hilfe im Haushalt“. Besonders neu Zugezogene empfinden das ZHN Steiermark als eine gute Möglichkeit, sich in der Nachbarschaft rascher zu integrieren. Interessant sind vor allem das große Angebot und die große Nachfrage im Bereich „Freizeit/Geselliges“. Dies lässt vermuten, dass sich Menschen im Alltag nicht mehr wie früher im öffentlichen Raum begegnen und kein direkter Austausch mehr über individuelle Bedürfnisse stattfindet.

Mehrwert Wohlbefinden

Zu berücksichtigen ist, dass die Untersuchungsergebnisse zum Zeit-Hilfs-Netz Steiermark eine Momentaufnahme sind und keine verallgemeinernden Aussagen zulassen. Dennoch können zwei grundlegende Dinge festgehalten werden. Erstens wurde festgestellt, dass in jeder ZHN Gruppe das Angebot zahlenmäßig die Nachfrage überbot und es nur selten vorkam, dass Personen gleichzeitig Anbieter/innen und Nachfrager/innen waren. Dies hatte zur Folge, dass die Tauschaktivität im ZHN Steiermark quantitativ in den Hintergrund gerückt ist und sich ein Wandel von einer Zeitbank mit Tauschaktionen hin zu einer Plattform der Begegnung vollzogen hat. Daher ist fraglich, ob das ZHN Steiermark noch dem Modell einer Zeitbank entspricht und wie es sich in das Angebot anderer bürgerschaftlicher Organisationen einordnen lässt. Damit es weiterhin als vielseitiges Angebot der Daseinsvorsorge bestehen kann, ist vor allem ein kleinräumig und professionell organisiertes Ehrenamt notwendig, das intensiver begleitet und unterstützt wird. Trotz dieser Entwicklung konnte zweitens sehr wohl ein wesentlicher Mehrwert festgestellt werden, welcher sich im persönlichen Wohlbefinden der Teilnehmenden durch die Teilhabe am Netzwerk zeigt. Während aktiv Gebende einer sinnvollen Aufgabe nachgehen können, ist Nehmenden geholfen und beide Parteien können die Gelegenheit nutzen, um Freundschaften zu schließen. Eine wertvolle Möglichkeit mehr also, um der Einsamkeit in einer immer komplexer werdenden Welt die Stirn zu bieten.

Link zum Zeit-Hilfs-Netz: http://zeit-hilfs-netz.at

Quelle:
T. Fischer, P. Himmelbauer, M. Jobst, Über den Mehrwert organisierter Nachbarschaftshilfe - dargestellt am Beispiel des Zeit-Hilfs-Netzes Steiermark. In: Raumforschung und Raumordnung. Spatial Research and Planning, Volume 75, Issue 6 (Berlin/Heidelberg, Dezember 2017) 543-561.

<< Zurück zum Wissenspool

Eine Initiative des Fonds Gesundes Österreich
Logos Ministerium für Frauen und Gesundheit, Gesundheit Österreich GmbH und Fonds Gesundes Österreich